Transformative Potential des D€
Weil die Wirtschaft und der Politische Fokus auf ebendiese besonders viele der heutigen Krisen verursacht wird im Folgenden eine Utopie skizziert, wie eine neue Wirtschaftssteuerung mit dem D€ aussehen könnte. Zum besseren Verständnis empfehlen wir, das Booklet vorab zu lesen.
Wenn bisher von Geld als Steuerungsinstrument gesprochen wird, dann denken Ökonomen an Subventionen, Leitzins, Geldmenge u. v. m.. Die heutigen Steuerungsinstrumente sind komplex und wirken so indirekt, dass sich Menschen ohne intensives Studium kaum in die Thematik einarbeiten können, um die Wechselwirkungen und Abhängigkeiten zu verstehen.
Zum Beispiel versucht die Politiker der EU bisher, Unternehmen im Euroraum über folgenden komplexen Steuerungsmechanismus zu mehr Nachhaltigkeit zu bewegen (verkürzte Darstellung):
- Mehrere Verordnungen (EU-Taxonomie, CSRD oder SFDR) motivieren Firmen EU-weit zu mehr Nachhaltigkeitsberichterstattung.
- Dann wurde über die Bankenregulierung CRR/CRD vorgegeben, dass Banken die Kriterien dieser Nachhaltigkeitsberichterstattung bei ihrer Risikobewertung mit einbeziehen.
- Die Hoffnung: Banken geben den Unternehmen günstigere Kredite, die mehr auf Nachhaltigkeit achten, weil sie dann ein geringeres Ausfallrisiko sehen. Dadurch können sich nachhaltige Unternehmen günstig Geld leihen, erhalten so einen Wettbewerbsvorteil, können mehr investieren und wachsen und verdrängen auf ganz lange Sicht weniger nachhaltige Unternehmen.
- Daneben gibt es noch viele andere Steuerungsinstrumente wie den CO₂-Preis (EU ETS), Subventionen und Steuererleichterungen, Investitionszuschüsse, Bürgschaften oder Garantien.
Alles in allem ein sehr komplexer und langwieriger Ansatz, um die Wirtschaft in eine gewünschte Richtung zu lenken, der auch häufig von Ziel- und Interessenkonflikten geprägt ist, z. B. dem Interesse der Politik nach einem geringen Anstieg der Lebenshaltungskosten oder heimischer Arbeitsplatzsicherheit. Denn wenn heimische Unternehmen Wettbewerbsvorteile gegenüber dem globalen Wettbewerb erhalten, dann wachsen diese und brauchen mehr Personal. Dadurch ist der Arbeitsmarkt angespannter, was den Menschen eine bessere Verhandlungsposition bei der Gehaltsverhandlung gibt, wodurch die Löhne steigen und damit der Wohlstand der Menschen.
Und Wohlstand scheint eines der Hauptkriterien zu sein, mit dem Menschen den Erfolg von Politikern bewerten. Und so sind Politiker permanent auf der Suche nach Vorteilen für die heimische Wirtschaft. Dabei unterbieten sie sich im Abbau von Umweltstandards im globalisierten Wettbewerb, besser bekannt als „Race to the Bottom“.
Das Potenzial des digitalen Euros ist es, diesen komplexen Steuerungsprozess radikal zu vereinfachen, zu verkürzen und transparent zu gestalten. Der D€ kennt alle Zahlungen in der Lieferkette. Er kennt die eingekaufte Energie und Treibstoffe sowie die eingekauften Chemikalien und Rohstoffe. Auch weiß der D€, ob die Arbeiter fair bezahlt wurden.
Dazu kann der D€ auch noch zu einer Plattform gemacht werden, die Unternehmen einen direkten Wettbewerbsvorteil verschaffen, wenn sie beides tun: Mitarbeiter gut bezahlen und nachhaltig produzieren
Dieser Wettbewerbsvorteil wird Unternehmer maximal motivieren möglichst schnell hohe Löhne zu zahlen und gleichzeitig die nachhaltigsten Produktionsmethoden zu entwickeln. Ganz, ohne dass es dafür politische Regulierung bräuchte und ohne Zielkonflikt. Das wäre der Ausstieg aus dem „Race to the Bottom“.
Mit anderen Worten:
- Der D€ als Datensammler macht die sozialen und ökologischen Folgekosten von Geschäftsmodellen transparent und für jedes einzelne Produkt individuell quantifizierbar. Liegt die Bezahlung von Angestellten und Subunternehmern über dem Existenzminimum? Führen die Produkte zu Mehrkosten im Gesundheitssektor (machen sie Menschen krank)? Vergiften die Produkte Gewässer und Umwelt? Werden (lokale) Monopole ausgenutzt, um die Marktpreise zu manipulieren und Übergewinne zu erwirtschaften (z. B. auf dem Immobilienmarkt, was zu unbezahlbarem Wohnraum führt)? Und so weiter. Weil in unserer Wirtschaft alles in Geld abgebildet wird, ist Geld das ideale Instrument, um Daten zu sammeln. Dadurch wird es auch besonders schwer, eine Bewertung zu manipulieren. So wäre das heute populäre Greenwashing kaum noch möglich, wenn die Nachhaltigkeitsaussagen von Unternehmen zukünftig anhand der Zahlungsströme verifizieren würde. Z.B. können Produkte nicht CO₂-neutral sein, wenn das Unternehmen fossile Energieträger eingekauft hat. Auch können die Zahlungsdaten kaum manipuliert werden, denn jedes Jahr muss eine Bilanz erstellt werden, in der Einzahlungen und Auszahlungen zusammen passen müssen und so müssen auch die zusätzlichen Daten zusammenpassen, die der D€ an die Zahlungen angefügt hat. Stimmt zum Beispiel der CO₂-Einkauf zum CO₂ Fußabdruck aller verkauften Produkte? So wird mit der Bilanz im Jahresabschluss automatisiert eine CO₂-Bilanz erstellt und dann analog dazu auch eine Sozialbilanz, Giftbilanz, Ökobilanz uvm.
- Gleichzeitig kann durch den D€ eine Plattform geschaffen werden, die in der Lage ist, die Daten von Produkte aus der gleichen Warengruppe miteinander zu vergleichen. Dann kann der D€ den Unternehmen Wettbewerbsvorteile verschaffen, die in diesen Vergleichen besser abschneiden. Das würde unsere profitzentrierte Wirtschaft sehr schnell zu Verhaltensänderungen bewegen. Wichtig dabei ist, dass alle Automatisierungen/Regeln immer demokratisch durch eine Mehrheit der Menschen legitimiert werden müssen.
Ein möglicher Wirtschaftssteuerungsmechanismus, der die gängigen neoliberalen und populistischen Kritikpunkte an progressiver Politik entkräftet, soll im Folgenden skizziert werden:
- Die Menschen nennen ihre Erwartungen an die Wirtschaft. Dinge, die uns im Grunde alle verbinden: Niemand möchte belogen, betrogen oder süchtig gemacht werden. Die meisten wünschen sich eine lebenswerte Zukunft für ihre Kinder, ein sicheres Einkommen, ein bezahlbares Zuhause, medizinische Versorgung und soziale Absicherung. Und sicher will auch niemand, dass sich Plastik oder Pestizide im eigenen Körper anreichern.
- Mit der Hilfe von Wissenschaft, NGOs, Politik oder Bürgerräten würde das digitale Geld dies in konkrete Ziele für die Wirtschaft übersetzen, wie etwa: weniger Fake News, weniger CO₂, mehr Nachhaltigkeit, faire Löhne, weniger Plastikmüll und Umweltgifte.
- Die Währung sammelt über die Zahlungsströme in den Lieferketten alle relevanten Informationen, um Produkte nach diesen Kriterien zu bewerten. Dann lässt man alle Artikel innerhalb einer Warengruppe gegeneinander antreten und vergleicht, welche Waren und Dienstleistungen die Zielvorgaben besser erfüllen – und welche schlechter.
- Anschließend ersetzt man die Mehrwertsteuer (und gegebenenfalls weitere Unternehmenssteuern) durch eine dynamische Fair-Wert-Steuer. Wie der Name schon sagt, wäre diese Steuer nicht fix bei 19 % (oder 7 %), sondern würde innerhalb jeder Warengruppe zwischen 0 % und einem Maximalsatz von beispielsweise 50 % variieren, je nach dem wie gut ein Produkt die gewählten Ziele erreicht. Abweichend zur Mehrwertsteuer sollte diese Steuer nicht nur beim Kauf durch den privaten Endverbraucher anfallen, sondern immer dann, wenn eine Ware oder Dienstleistung final verbraucht und nicht mehr weiterverarbeitet wird, auch wenn dieser finale Verbraucher eine Firma ist. So würden u. a. auch die Einnahmen von Digitalkonzernen dynamisch besteuert, auch wenn diese den Endverbrauchern ihre Dienste kostenlos anbieten, um im Nachgang die dabei produzierten Daten zu verkaufen.
Was zunächst etwas komplex klingt, soll im Folgenden an einem vereinfachten Beispiel mit nur einem Ziel erläutert werden:
Das Ziel „Minimierung der Treibhausgase, gemessen in CO₂-Äquivalenten“, wird in die digitale Währung gewählt. In einer Warengruppe gibt es unzählige Produkte, hier beispielhaft dargestellt als Produkte A bis J.

Produkt A verursacht 10 Kilogramm CO₂. Da dies der beste Wert innerhalb der Warengruppe ist, wird Produkt A beim Verkauf an den finalen Verbraucher nicht besteuert. Produkt J hat mit 50 Kilogramm den schlechtesten Fußabdruck innerhalb der Produktgruppe. Beim Verkauf dieses Produkts wird ein Steueraufschlag von 50 Prozent erhoben. Für alle anderen Produkte innerhalb der Warengruppe wird der Steueraufschlag ermittelt, indem der CO₂-Fußabdruck in Relation zum besten und schlechtesten Produkt gesetzt wird. Der CO₂-Ausstoß von Produkt G liegt mit 30 Kilogramm genau in der Mitte zwischen den 10 Kilogramm von A und den 50 Kilogramm von J, sodass für G eine dynamische Steuer von 25 Prozent fällig wird.
Beim Verkauf von Produkt A erhält der Verkäufer den vollen Verkaufspreis, sodass er seine Produkte zu einem wettbewerbsfähigen Preis anbieten kann, auch wenn die Herstellung etwas teurer ist. Das Produkt J ist günstiger in der Herstellung und könnte relativ günstig verkauft werden, mit dem schlechtesten CO₂-Fußabdruck erhält es aber einen ordentlichen Steueraufschlag, wodurch der Hersteller sein Produkt J teurer anbieten muss als die anderen Produkte der Warengruppe. Nach den Regeln des Marktes würde Produkt J nicht mehr so stark nachgefragt werden. Absatz, Umsatz und Gewinn sinken, sodass der Hersteller intensiv darüber nachdenken wird, wie er den CO₂-Fußabdruck seines Produktes verbessern kann.
Wenn die Produkte der Warengruppe nicht ohne eine Mindestmenge von CO₂ hergestellt werden können, dann haben alle Hersteller dieses Problem. Aufgrund des Wettbewerbs innerhalb jeder Warengruppe wird das CO₂-ärmste Produkt immer nicht besteuert (= 0 %), sodass es für die Konsumenten nicht teurer wird. Trotzdem werden alle Hersteller intensiv über neue Verfahren, Abläufe und Geschäftsmodelle nachdenken, um diese CO₂-Mindestmenge weiter zu reduzieren, um einen Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz zu erhalten und die Absatzmengen und Gewinne zu steigern. Das Ziel „Minimierung CO₂“ kann dann nach und nach um weitere Ziele ergänzt werden, wie weniger Plastik & Abfall, faire Löhne, weniger Einkauf aus Diktaturen u. m. (s. u.). So entsteht ein intensiver Wettbewerb um Nachhaltigkeit und das Lösen der Polykrise.
Multidimensionale Steuerung
Indem nicht nur eines, sondern verschiedene Ziele mit Profit verknüpft werden, kann gleich mehreren Krisen etwas entgegengesetzt werden.
Dann würde für jedes Produkt innerhalb einer Produktgruppe die unterschiedlichen Zielerreichungen zu einer Punkteskala zusammengefasst, um so den dynamischen Steuersatz des jeweiligen Produktes zu ermitteln.

So entsteht ein Werkzeug, das unsere gesamte geldzentrierte Gesellschaft multidimensional auf das Lösen mehrerer Krisen ausrichten kann:
- Bereits exemplarisch skizziert wurde das Ziel der Minimierung von CO₂. Dieses sollte noch um weitere Ziele ergänzt werden, die darauf abzielen, dass auch die Überschreitung anderer planetarer Grenzen eingedämmt wird – z. B.: Wer kommt mit weniger Phosphor, Stickstoff oder Wasserverschmutzung für seine Produkte aus?
- Ein Ziel wie „Alle Beteiligten in der Lieferkette sollen am finanziellen Gewinn eines Produktes fair teilhaben“ würde zu fairen Löhnen in der gesamten Wertschöpfungskette führen, die für ein menschenwürdiges Leben ausreichen. Auch würde das verhindern, dass ein mächtiges (Monopol-)Unternehmen riesige Gewinne einfährt, während Mitarbeiter, Zulieferer oder Subunternehmer kaum genug Geld zum Überleben haben. (siehe Anhang: Faire Vermögensverteilung)
- Um geostrategischen Konflikten entgegenzuwirken, könnte man das Ziel »möglichst viel Wertschöpfung in demokratischen Systemen« in die Währung schreiben. (siehe Anhang: Lösen geostrategischer Abhängigkeiten und Konflikte)
- Abfallvermeidung und Kreislaufwirtschaft: Auch die Müllvermeidung oder die Recyclingfähigkeit von Produkten könnte als Kriterium einfließen, um Hersteller zu Mehrweg-, Pfand- oder biologisch abbaubaren Lösungen zu motivieren. Wie die Ziele erreicht werden, wird den Herstellern selbst überlassen. Wird ein eigenes oder kooperatives Mehrwegsystem aufgebaut? Oder werden die Produkte so gestaltet, dass sie biologisch abbaubar sind?
- Mono- und Oligopole unwirtschaftlich machen: Die digitale Währung würde erkennen, wenn Rohstoffe oder Produkte vorrangig von einem einzigen oder wenigen Konzernen verkauft werden, und könnte dann die Einnahmen für diese Verkäufe mit einer Extrasteuer versehen – einer Art Monopolsteuer. Das würde den Markteintritt neuer und kleiner Akteure deutlich erleichtern, sodass sich Monopole schnell auflösen sollten. Dadurch würden große Monopolisten unwirtschaftlicher und verlören ihren Wettbewerbsvorteil, während kleinere, neue Anbieter konkurrenzfähig werden – und dadurch wachsen. So würden sich gesunde Marktstrukturen mit günstigeren Konsumentenpreisen rasch wiederherstellen.
- Datenschutz und Nutzungsverhalten: Soziale Medien oder digitale Plattformen könnten um Ziele konkurrieren wie: »Vermeidung von Suchtmechanismen«, »Wer kommt mit weniger Nutzerdaten aus?«, »Keine manipulativen Algorithmen«, »Keine Förderung von Desinformation oder Hass« oder »Möglichst offene Standards und Schnittstellen«, sodass Plattformen auch untereinander Daten austauschen können – was digitalen Lock-in-Effekten und Netzwerkeffekten entgegenwirken würde.
- Gesunde Ernährung: Für eine gesündere Ernährung könnte beispielsweise eine Bewertung ähnlich dem Nutri-Score eingeführt werden, der den Nährwert von Lebensmitteln einer Kategorie miteinander vergleicht. Dadurch würden gesunde Lebensmittel billiger und ungesunde teurer.
- Margendeckel gegen Preisspekulation: Eine digitale Währung kennt die Ein- und Ausgaben auf Produktebene und kann so für jedes Produkt eine Gewinnmarge ermitteln. Produkte, die für die Gesellschaft essenziell sind – wie Wohnraum oder Medikamente – könnten mit einer Obergrenze für Gewinnmargen versehen werden. Zum Beispiel könnte eine digitale Währung anhand fehlender Zins- und Tilgungsraten erkennen, wenn ein Gebäude vollständig abbezahlt ist. Wenn die Währung dann nur noch Betriebs- und Instandhaltungskosten plus eine Gewinnmarge als Miete zulassen würde, dann wäre es nicht mehr möglich, Wohnraum als Spekulationsobjekt zu missbrauchen. Anders als die häufig diskutierte Mietpreisbremse würde ein Margendeckel für Mieten dazu führen, dass anfallende Kosten, zum Beispiel für den Neubau von Wohnungen oder Investitionen in energetische Sanierungen, mit einem Gewinnaufschlag an die Mieter*innen weitergegeben werden können und wäre somit kein Investitionshindernis.
Neoliberale Argumente entkräften
Neben der Möglichkeit gleich mehrere Krisen gleichzeitig zu adressieren hätte der skizzierte Ansatz noch weitere Vorteile:
- Verlagerung der Verantwortung zurück zur Wirtschaft: Jedes Wirtschaftsunternehmen hat es selbst in der Hand, wie es seine Produkte und Lieferketten gestaltet, damit sie die Ziele bestmöglich erreichen. Damit verlagert sich die Problemlösung von den höchsten politischen Ebenen auf viele »operative Ebenen« in der Wirtschaft – also genau dorthin, wo die Expert*innen sitzen, die ihre Produkte kennen und auch die damit verbundenen Probleme. Dabei kann sich die Wirtschaft nicht wie üblich beschweren, dass die Bürokratie oder Steuerlast erdrückend werde. Denn jedes Unternehmen hat die Möglichkeit, seine Steuerlast zu minimieren – aber nur, wenn das jeweilige Geschäftsmodell bestmöglich für Mensch und Planet ist.
- Ausstieg aus dem Race to the Bottom: Bisher bauen Politiker Arbeits-, Sozial- und Umweltstandards ab, um ihrer heimischen Wirtschaft Vorteile im globalisierten Wettbewerb zu verschaffen. In diesem Konzept spielt es jedoch keine Rolle mehr, wo ein Produkt hergestellt wurde, denn es geht nur um den Absatzmarkt. Sobald ein Produkt im Währungsraum der digitalen Währung verkauft wird, zählt, wie nachhaltig und sozialverträglich es ist. Produkte, die im Währungsraum hergestellt und exportiert werden, sind nicht von der dynamischen Steuer betroffen und werden wie bisher besteuert, sodass der für viele so wichtige Außenhandel nicht beeinflusst wird. Trotzdem würde ein derart genutzter D€ weit mehr als nur die europäischen Unternehmen zu einer Verhaltensänderung motivieren, denn der europäische Binnenmarkt ist der größte Markt der Welt.
- Auch wird den Endverbraucher*innen die Verantwortung genommen, für einen Wandel verantwortlich zu sein – ohne ihnen die Freiheit zu nehmen, die ein freier Markt mit beliebigen Wahlmöglichkeiten bietet. Sie müssen einfach nur weiterhin zu den günstigsten Produkten greifen und können sicher sein, dass diese Produkte ihre „gewählten Erwartungen“ bestmöglich erfüllen.
- Gleichzeitig haben die Konsument*innen durch den Wettbewerb innerhalb jeder Warengruppe immer eine günstige Alternative zur Auswahl, sodass die dynamische Steuer nicht zu höheren Lebenshaltungskosten führt.
- Ende des Lobbyismus: Für Wirtschaftsunternehmen lohnt es sich nicht mehr, sich für einen wirtschaftlichen Vorteil in die Politik einzumischen oder diese gar zu unterwandern. Denn für viele Probleme braucht es keine komplexen politischen Vorgaben mehr, die alle Eventualitäten berücksichtigen müssen – die Marktteilnehmer bestimmen selbst, was machbar ist und was nicht, und wie schnell eine Veränderung erreicht werden kann. Und wer nicht ambitioniert und innovativ genug ist, erhält immer mehr Wettbewerbsnachteile, bis er irgendwann vom Markt verschwindet.
- Wenn sich die Wirtschaft an sich selbst misst, wird nicht nur der Raum für Lobbyismus geschlossen, es wird auch viel weniger Wirtschaftskompetenz in der Politik benötigt. Die Politik hätte dann Zeit, sich auf andere Dinge zu fokussieren, und wird auch aus anderen Gründen gewählt.
Anhang – Beispiele
Lösen geostrategischer Abhängigkeiten und Konflikte
Um geostrategische Konflikte zu lösen, könnte man Autokratien die Finanzierung entziehen, indem man das Ziel »möglichst viel Wertschöpfung in demokratischen Systemen« in die Währung schreibt. Durch die Einkaufsdaten kennt die Währung die Länder, in denen Unternehmen einkaufen, und kann diese Einkäufe zum Beispiel mit dem Demokratieindex bewerten.
Dazu ein Beispiel: Die Chemiefabriken A, B und C stellen die gleiche Chemikalie her. Für die Herstellung eines Kilos werden etwa 25 Prozent Gas und 75 Prozent andere Chemikalien benötigt.
- Hersteller A kauft Gas aus Russland mit einem Demokratieindex von 2,3, die restlichen 75 Prozent der Rohstoffe kauft A in Deutschland mit einem Demokratieindex von 8,8. Daraus ergibt sich ein gewichteter Demokratieindex für die Produkte von A von 7,2 (25 Prozent x 2,3 + 75 Prozent x 8,8).
- Produzent B kauft Gas aus Norwegen mit einem Demokratieindex von 9,8 und den Rest aus Deutschland. Dies ergibt einen gewichteten Demokratieindex von 9 (25 Prozent x 9,8 + 75 Prozent x 8,8).
- Hersteller C hat seine gesamte Produktion nach China ausgelagert und bezieht auch alle Rohstoffe und das Gas von dort. China hat einen Demokratieindex von 1,9 (100 Prozent x 1,9).

Wäre die »Wertschöpfung in demokratischen Systemen« das einzige Ziel in der Währung, würden die Produkte von B nicht besteuert, dicht gefolgt von A mit einem Steuersatz von circa 10 Prozent. Der maximale Steuersatz von 50 Prozent gilt für die Produkte der Chemiefabrik C. An dieser Stelle soll noch einmal der Vorteil der Bewertung auf Warengruppenebene verdeutlicht werden. Wenn die Produkte einer Warengruppe nicht ohne einen Rohstoff oder ein Vorprodukt aus einer Diktatur hergestellt werden können, dann haben alle Hersteller dieses Problem. Aufgrund des Wettbewerbs innerhalb jeder Warengruppe wird das nachhaltigste Produkt innerhalb dieser Warengruppe immer ohne Zuschlag (= 0 Prozent) bleiben. Erst wenn ein Hersteller ein neues Verfahren entwickelt, das den Verzicht auf Vorprodukte aus Diktaturen ermöglicht, fällt ein Steueraufschlag auf alle anderen Produkte an. So müssen die Konsumenten keine Preissteigerungen befürchten und trotzdem werden Anreize für Unternehmen geschaffen, Handelsbeziehungen zu gefestigten Demokratien aufzubauen und dort zu investieren.
Einerseits könnte so eine größere Unabhängigkeit von undemokratischen Nationen erreicht werden, andererseits würden Diktaturen überlebenswichtige Einnahmequellen entzogen. Vermutlich würden entsprechend große Unternehmen sogar Lobbyarbeit für Demokratie betreiben, wenn sie Standorte in einem Land haben, das zum Beispiel durch schlechte Politik im Demokratieindex abzurutschen droht.
Der Demokratieindex ist hier nur ein Platzhalter und könnte problemlos durch einen Menschenrechtsindex oder einen Freiheitsindex ersetzt werden, gegebenenfalls auch durch eine Kombination aus allen. Dadurch würden die Handelsbeziehungen mit Ländern, die ähnliche Werte teilen, intensiviert und die Beziehungen mit anderen Ländern allmählich abgebaut.
Will man nicht zu pauschal nur ganze Länder betrachten, könnten auch einzelne Lieferanten in Ländern mit schlechten Menschenrechtsindizes das pauschale Länderrating in ein persönliches Rating umwandeln, wenn sie nachweisen, dass sie sich in diesem Land besonders für die Menschenrechte einsetzen.
Faire Einkommensverteilung
Die gleichen Mechanismen könnten auf das Gemeinwohl angewandt werden: Ein gut gewähltes Ziel wie »Menschen sollen am finanziellen Gewinn eines Produktes fair teilhaben« würde zu fairen Löhnen in der Wertschöpfungskette führen, die für ein menschenwürdiges Leben ausreichen. Auch würde verhindert, dass ein (Monopol-)Unternehmen riesige Gewinne einfährt, während Mitarbeiter*innen oder Zulieferer*innen kaum genug Geld zum Überleben haben.
Stellen Sie sich vor, in einem Supermarkt gibt es zwei Produkte aus derselben Produktgruppe, zwei verschiedene Brote mit einer ähnlichen Lieferkette:
Im Fall des ersten Brotes haben die Landbesitzer*innen der Äcker und die Supermarktkette deutlich höhere Gewinnspannen als die anderen Akteure in der Lieferkette. Das bedeutet, dass ihre Einnahmen viel höher sind als ihre Kosten. Andere Akteure in der Lieferkette, wie die Arbeiter*innen auf dem Feld oder die LKW-Fahrer*innen, können mit ihren Einnahmen kaum ihre Kosten decken. Die gesamten Einnahmen in der Lieferkette betragen 42,80 Euro, aber die Einnahmen sind so ungleich verteilt, dass die Volatilität der Marge hoch ist, das bedeutet, die Marge (Gewinn / Umsatz) schwankt stark zwischen den einzelnen Wertschöpfungsschritten (hier als Beispiel mathematisch berechnet mit der Standardabweichung = 0,23).

Beim zweiten Brot sind die Kosten bei jedem Akteur gleich hoch, aber die Einnahmen sind gleichmäßiger verteilt. Über alle Akteure sind die gesamten Einnahmen mit 42,80 Euro die gleichen wie beim ersten Brot. Dadurch, dass nun die Einnahmen fairer verteilt sind, sinkt die Volatilität der Marge auf 0,06.

Brot Nr. 1 wird nun höher besteuert, während Brot Nr. 2 überhaupt nicht besteuert wird. Dadurch erhält Brot Nr. 2 einen Wettbewerbsvorteil, es wird mehr konsumiert, und der Hersteller von Brot Nr. 1 muss sich überlegen, wie er seine Lieferkette gerechter gestalten kann.
Dies würde nicht zu einer Gleichverteilung von Erlösen und Gewinnen führen, aber die prozentualen Gewinnspannen würden sich annähern und gerechter über die gesamte Lieferkette verteilt werden.
Sowohl im ersten als auch im zweiten Fall erhalten alle Beteiligten an der Brotherstellung gemeinsam 42,80 Euro. Das bedeutet, dass die Herstellungskosten unverändert bleiben – und somit kein Preisanstieg für die Konsument*innen zu erwarten wäre.
Wäre ein Monopolist in dieser Lieferkette, dann hätte der so viel Marktmacht, dass ein Großteil der Lieferanten an ihn verkaufen müsste. Somit kann er die Einkaufspreise drücken, was seine Kosten reduziert und seine Margen steigen lässt. So kann der Monopolist alle vorgelagerten Arbeitsschritte in der Wertschöpfungskette unter Druck setzen. Außerdem müssten alle Kunden bei ihm kaufen, wodurch der Monopolist die Absatzpreise weitestgehend frei erhöhen kann, sodass er einen höheren Umsatz (bei gleichen Kosten) hat, was auch seine Marge steigert. Eine fair verteilte Marge würde somit schon verhindern, dass ein Monopolist in der Lieferkette seine Macht ausnutzt, um seine Gewinne auf Kosten anderer zu maximieren. Das würde die Wettbewerbsvorteile von Oligopolen und Monopolen beseitigen und vielen kleinen Akteuren den Raum für Wachstum oder einen Markteintritt geben. In diesem Fall führt mehr Wettbewerb also nicht zu mehr Druck auf die einzelnen Akteure in der Lieferkette, sondern dazu, dass wirtschaftliche Macht nicht mehr ausgenutzt werden kann, was zu einem fairen Wettbewerbsumfeld führt.
Um nicht zu einem Investitionshemmnis zu werden, berücksichtigt die Währung alle Kosten, die ein Unternehmen hat, einschließlich der Abschreibung von Anlagen oder der Zinsen für Investitionskredite.
Privatpersonen, wie die Feldarbeiter*innen, oder Angestellte bei Lohnunternehmen haben keine wirtschaftlichen Kosten. Für sie könnte die Währung das lokale Existenzminimum am Arbeitsort als »Kosten« berücksichtigen, das heißt das Geld, das jeder Mensch für Lebensmittel und Wohnraum ausgeben muss, um sein Überleben zu sichern.

